3. Sonntag der Osterzeit (A)

Evangelium: Lk 24, 13-35

Es kann vorkommen, dass Menschen dasselbe erleben, aber hinterher völlig unterschiedlich über das berichten, was sich soeben ereignet hat. Die Fakten bleiben unverändert, aber ihre Auslegung sieht völlig anders aus. Den einen hat das Leben zum Skeptiker gemacht, den anderen zum Optimisten. Die eine braucht den Glauben, einen anderen lässt die Sinnfrage völlig gleichgültig. Oder nehmen wir eine Gruppe von Schülern in einer Klasse. Die eine Hälfte passt ganz genau auf, während die andere Hälfte beinahe einschläft. Wir teilen eine gemeinsame Realität, aber wir nehmen sie ganz unterschiedlich wahr. Ein leeres Grab wird gefunden. Ist das eine gute oder eine schlechte Nachricht? Handelt es sich um Raub, eine Fälschung oder ein Wunder? Wie wir die Situation am leeren Grab einschätzen, hängt von verschiedenen Faktoren ab. Für wie glaubwürdig halten wir das Zeugnis der Frauen, die als erste am Grab waren? Wie stehen wir zu den Engelserscheinungen? Wie beurteilen wir diesen Jesus von Nazareth? Was ist von ihm zu halten? Hat er Israel erlösen wollen? Von welcher Art von Erlösung ist die Rede? Wie verhalten wir uns zu den römischen und jüdischen Autoritäten, die Jesus hingerichtet haben? Diese und ähnliche Fragen werden sich die beiden Jünger auf dem Weg nach Emmaus wohl gestellt haben. Sie liefen weg von Jerusalem, nur weg vom Ort dieses schrecklichen Geschehens. 3 Tage ist der gewaltsame Tod Jesu jetzt schon her. Der Schock oder auch die Hoffnung, es könnte doch noch eine Wendung eintreten, beginnt bei den beiden Jüngern allmählich zu verblassen. Die Jünger wissen zunächst nicht, wie sie das Geschehene einordnen sollen. Ein Fremder kommt hinzu und hilft ihnen. Durch seine scheinbar naiven Fragen sind sie gezwungen, die Erlebnisse der letzten Tage in Jerusalem in einem größeren Zusammenhang zu sehen. Das Erlebte wird zur Geschichte, zu ihrer Geschichte, unserer Geschichte, zur Heilsgeschichte. Indem die Jünger dem Fremden die Ereignisse noch einmal im geschichtlichen Zusammenhang erzählen, bekommen sie eine heilsame Distanz zum eigenen Erleben, sie können noch einmal mit Abstand auf das Geschehen schauen, wahrnehmen, was passiert ist, spüren, wo ihre eigenen Gefühle und Emotionen mit ins Spiel kommen. Sie merken, wo sie blind waren durch ihre eigenen vorgefassten Meinungen und durch ihre Vorurteile. Durch das Gespräch mit dem Fremden können sie noch einmal mit Abstand auf das stille, leere Grab schauen. Und dann erst verstehen sie richtig. Die Fakten bleiben die gleichen, aber die Jünger haben plötzlich eine neue Perspektive. Das Grab ist nicht mehr nur ein leerer Hohlraum. Es ist der Ort des ewigen Triumpfs des Lebens über den Tod. Gott ist ein Gott der Lebenden und nicht der Toten, in Jesus erweist er sich als das Leben und die Auferstehung. Amen.

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