Predigt 2015 (Joh 20)

Evangelium: Joh 20, 19-23

Datum: 24.05.2015

Heute feiern wir das große Pfingstfest. Es offenbart sich uns der Geist Gottes, der Geist, den Christus mit der Kraft seiner Auferstehung seiner Kirche einhaucht. Wir alle sind ein Teil dieser Kirche. Weil sie aus der Kraft Christi lebt, wird sie trotz aller Schwierigkeiten, die es auch heute immer wieder gibt für den Glauben in der Welt, doch immer weiter bestehen und kann nicht überwunden werden.
Viele von Euch haben an der Osternacht teilgenommen. Das Licht der Osterkerze hat die Nacht des Karsamstags erhellt. Wir haben die Osterkerze in die Kirche hineingetragen und das Licht verteilt. Mit eurer Kerze in der Hand habt ihr dann gemeinsam die dunkle Nacht erhellt. Aus diesem Licht werden heute die Feuerzungen, von denen die Apostelgeschichte spricht. Die Feuerzungen fallen vom Himmel und sie sind ein Zeichen dafür, dass das österliche Licht von Gott selbst kommt, der für uns Mensch geworden ist und unser Leben geteilt hat. Die Feuerzungen stehen für den  Geist Gottes, den niemand auslöschen kann. Wir feiern damit heute den Höhepunkt und die Vollendung des Osterfestes.
Heute am Pfingsttag feiern wir den Anfang der Kirche. Es ist gewissermaßen der Geburtstag der Kirche. Wir können uns deshalb daran erinnern, was das eigentlich bedeutet „Kirche“ zu sein, zur Kirche zu gehören. Wir sind als Kirche – selbst in einer Stadt wie München – keine wirtschaftliche Macht, keine politische Partei und keine einflussreiche zivilgesellschaftliche Organisation. Wir sind eher wie der kleine Hirtenjunge David, der dem Riesen Goliath entgegentritt. Goliath stützt sich auf seine Waffen, seine Kraft und seinen Reichtum. Wir dagegen vertrauen auf den Namen Gottes. Vielleicht fühlen wir uns manchmal schwach und meinen, dass unser Engagement sowieso keinen  Zweck hat gegen den großen Trend der Zeit. Aber unsere Schwäche kann sich in Stärke verwandeln, wenn wir selbst als Kirche demütig bleiben, in Liebe verbunden sind und unser Vertrauen auf Gott setzen.
Am Anfang der Kirche stehen 12 einfache Männer, ohne großen Reichtum und Bildung. Gemeinsam mit Maria, dem jungen Mädchen aus Nazareth, erhalten sie durch die Feuerzungen die Taufe mit dem Heiligen Geist. Eben noch haben sie sich wie Feiglinge voller Angst hinter verschlossenen Türen versteckt. Plötzlich kommt die Erkenntnis: Die Kirche des auferstandenen Herrn Jesus Christus, das sind wir! Und sie gehen hinaus in die ganze Welt und verkünden das Evangelium, Man hält ihnen entgegen: „Was redet ihr für einen Unsinn über diese angebliche Auferstehung Jesu!“ Sie aber sagen: „Wir haben ihn gesehen! Wir können davon nicht länger schweigen!“ Auch wenn viele von diesen ersten Aposteln als Märtyrer in der Christenverfolgung gestorben sind, stehen sie doch am Anfang einer langen Kette von Nachfolgerinnen und Nachfolgern der Apostel, die weitergeht bis in unsere Zeit hinein.
Was ist die Kirche? Was ist Pfingsten? Für mich gehört beides zusammen. Drei Gedanken zur Kirche möchte ich mit euch teilen.

ERSTENS: In der Kirche können wir Menschen Gotteserfahrungen machen. Die Kirche ist ein Raum, wo wir uns dem Geheimnis der Kraft Gottes öffnen können. Viele Menschen heute können nicht mehr beten. Es gibt viel Materialismus, sowohl praktisch im täglichen Leben als auch theoretisch in unserer Denkweise. Viele beschränken sich allein auf die geschaffene Welt. Alle Probleme der Welt, so sagt diese Ansicht, müssen die Menschen aus sich selbst heraus lösen, ohne ihren Geist und ihre Herzen zu Gott zu erheben. Die Kirche dagegen öffnet unsere Herzen für Gott. Die Kirche erinnert die Menschen daran: Ihr habt als Menschen die Fähigkeit und seit darauf angelegt, Gott zu begegnen. Es gehört zum schönsten Teil eurer Berufung zum Menschsein, mit Gott zu sprechen, in Dialog einzutreten mit eurem Schöpfer. Darum geht es am Pfingstfest. Gott schafft einen Raum, wo wir ihm begegnen können. Er will sein Leben, seine Wahrheit und sein Wesen mit uns teilen. Diese Botschaft zu den Menschen zu bringen, ist unser Auftrag am Pfingsttag, damit sie ihr volles Potential als menschliche Person entfalten können.

ZWEITENS: Die Kirche tritt ein für die Wahrheit. So wie Gott den Propheten den Auftrag gegeben hat, die Wahrheit zu verkünden gegen alle Lüge, Ungerechtigkeiten und Machtmissbrauch ihrer Zeit. Für diesen Auftrag Gottes mussten die Propheten einen hohen Preis bezahlen. Sie wollten vor Gott fliehen, denn sie wussten: Wer für die Wahrheit eintritt, muss mit persönlichen Konsequenzen rechnen. Denn die Wahrheit ist nicht leicht zu ertragen, wenn sie sich Unrecht und Ungerechtigkeit entgegenstellt. Es kann schmerzhaft sein, mit der Wahrheit konfrontiert zu werden. Und doch besteht darin die Aufgabe der Kirche. Die Kirche verkündet mitten unter den Menschen einen Gott, der Respekt verlangt für menschliches Leben und der streitet für die Würde und die Freiheit der menschlichen Person. Die Kirche verkündet das Wort Gottes, damit das Reich Gottes sich überall durchsetzt, damit Gerechtigkeit Realität werden kann. Die Kirche ruft zur Umkehr auf. Aber sie tut das nicht mit Hass, sondern mit Liebe. Sie tut das in dem Bewusstsein, dass sie selbst eine Kirche der Sünder ist und das gerade auch in der Kirche viele Verantwortungsträger den an sie gerichteten Anspruch nicht erfüllt haben. Aber der Geist der Wahrheit erleuchtet die Kirche, dem Sünder zu sagen: „Kehr um. Du kannst neu anfangen.“ Die Kirche tut dies in Liebe. Sie verurteilt die Sünde, aber nicht den Sünder, sie schafft den Raum, jederzeit wieder neu anzufangen und sich erneut Christus zuzuwenden.

DRITTENS: Die Kirche hilft uns, die Einheit untereinander zu bewahren. Sie ermöglicht Einheit in der Vielfalt. In der Schöpfung Gottes gibt es eine so große Vielfalt, dass keine Pflanze der anderen gleicht. Das gilt auch für die Kirche. Gott hat der Kirche eine so wunderbare Vielfalt an Gaben gegeben. Eine gesunde Vielfalt ist wichtig, damit die Kirche lebendig bleibt. Wir wollen nicht, dass  alles absolut gleichartig gestaltet ist. Das wäre Gleichförmigkeit und Gleichförmigkeit ist gerade das Gegenteil von Einheit. Einheit entsteht, wenn wir die Vielfalt der Gaben als Bereicherung annehmen und die Gedanken und Ansichten andere achten.
Das ist das Werk des Heiligen Geistes, der uns alle in unserer Vielfalt in der einen Wahrheit vereint und uns alle zu Kindern seiner Kirche beruft.

Am 23. Mai wurde in El Salvador Erzbischof Óscar Romero seliggesprochen. Er wurde 1980 ermordet wegen seiner offenen Opposition gegen das Militärregime in seinem Land. Romero lag es fern, sich als Mann der Kirche politisch vereinnahmen zu lassen. Er war vor allem Seelsorger, der sensibel für die Not gerade der einfachen Menschen war. Und als Seelsorger vertrat er die Überzeugung, dass sein Verständnis des Evangeliums vor allem den Einsatz für die Armen in den Mittelpunkt stellte. Wo soll ein Pastor stehen? – So fragte er sich. Auf Seiten der Mächtigen und Reichen oder auf Seiten der Armen und Schutzbedürftigen? Ich habe keinen Zweifel, sagt Romero. Ein Pastor muss bei den Menschen sein, die in Not sind.

Ich habe mich bei dieser Predigt von einer Pfingstpredigt inspirieren lassen, die Erzbischof Romero am 29. Mai 1977 gehalten hat. Ich war erstaunt, wie viele seiner Gedanken über die Kirche auch heute noch und auch für uns hier in Deutschland Gültigkeit haben.
Wenn wir jetzt gemeinsam miteinander Eucharistie, Danksagung feiern, vertrauen wir auf die Fürsprache des Seligen Óscar Romero, der uns einlädt, aus der Freude des Pfingstfestes zu leben. Er ruft uns auf: Wir wollen leben im Kontakt mit Gott, dem wir unsere Herzen öffnen. Wir vertrauen auf den Geist der Wahrheit, der uns für das Reich Gottes Partei ergreifen lässt, falls es nötig wird. Wir zusammen Leben als Einheit in der Vielfalt unserer Begabungen. Wir wollen Leben ohne Hass, wir wollen Leben aus der Liebe.

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