30. Sonntag (C)

Evangelium: Lk 18, 9-14

Datum: 27.10.2013

Ort: KHG Konstanz, Maria-Hilf-Kirche, Primizfeier P. Halbeisen SJ

Liebe Schwestern und Brüder,

Im September 2011, während meines Theologiestudiums in London, erließ die Bischofskonferenz von England und Wales ein Dekret. Das Freitagsopfer sollte wieder mehr in  das Bewußtsein der Katholiken gerückt werden. Die Bischöfe luden daher dazu ein, am Freitag auf den Verzehr von Fleisch zu verzichten. In unserer Kommunität von Jesuiten-Studenten führte dieser Wunsch der Bischöfe natürlich sofort zu heftigen Diskussionen. Das ist ja auch kein Wunder, wenn man bedenkt, dass wir alle verschiedenen Kulturen angehörten, von Deutschland über die USA bishin zu Vietnam, Indien und Nigeria. Einen Teil der Begründung für das Freitagsopfer konnten wir gut nachvollziehen. Es erinnert an die Hingabe und Selbstverleugnung von Christus am Kreuz, der für uns starb, damit wir das Leben haben. Indem wir uns daran erinnern, bringt uns das näher zu Jesus, der in jedem Moment bei uns ist. Ein anderer Aspekt der Begründung war dagegen schwieriger zu verstehen für uns. Die Bischöfe wollten das gemeinsame Freitagsfasten  nämlich auch als einen Akt des öffentlichen Zeugnisses für den katholischen Glauben verstanden wissen. Das ist im Britischen Kontext verständlich. Dort gibt es einerseits eine wachsende Säkularisierung mit einer Minderheit von sehr lautstarken und medial gut präsenten Religionskritikern. Andererseits sind die Muslime eine sehr starke Religionsgemeinschaft, die wie selbstverständlich ihren Glauben leben und auch nach außen zeigen, zum Beispiel im Ramadan. Aber eine Instrumentalisierung des traditionellen Freitagsopfers als Demonstration des eigenen Glaubens kann natürlich auch leicht kippen.

Schon Cyril von Alexandrien, einer der großen Theologen der frühen Christenheit, stellt in einer Predigt die Frage an seine Gemeinde, was eigentlich der Nutzen davon sei, zweimal in der Woche zu fasten, wenn man sich ansonsten im Alltag eitel, stolz, hochmütig, habgierig oder selbstsüchtig verhält. Das Fasten wird dadurch unglaubwürdig, heuchlerisch und selbstgerecht. Cyril benutzt ein Bild aus dem Sport. Beim Ringkampf, so sagt er, kann man sich auch nicht durch eigene Leistung selbst zum Sieger krönen. Der Gewinner des Ringkampfs muss warten, bis er vom Schiedsrichter zum Sieger erklärt wird. Dann erst darf er sich seines Sieges erfreuen. So ist es auch im heutigen Evangelium. Der Steuereintreiber, nicht der Gesetzeslehrer, geht gerechtfertigt nach Hause, das heist, er wird von Gott angenommen. Der fromme Gesetzeslehrer glaubt, er habe berits jetzt einen Anspruch erworben auf das Heil Gottes, weil er ja gewissenhaft alle Regeln erfüllt hat. Er fastet zweimal in der Woche, betet regelmäßig und spendet 10 % seines Einkommens. Was Lukas aber besonders kritisiert, ist das der Gesetzeslehrer überheblich und arrogant über den Glauben anderer richtet. Das ist gegen das Evangelium Jesu Christi, der gesagt hat:“Richtet nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet“. Sie sollen nicht über andere richten. Nur einer ist Richter und Gesetzgeber, Gott der barmherzige Vater. Er allein „schafft Recht als gerechter Richter“, wie es im Buch Sirach heist. Der Zöllner und Steuereintreiber dagegen will wirklich einen neuen Anfang machen. Er kehrt um und bekennt Gott seine Schuld. Ganz hinten im Tempel stehend, betet er: „Gott, sei barmherzig mit mir, ich bin ein Sünder“. Sein  Gebet wird erhört. Er wird gerecht gemacht von Gott und von ihm angenommen.

Im Lichte dieses Evangeliums erscheint es nicht ganz unproblematisch, wenn der Verzicht auf Fleisch am Freitag als öffentliches Demonstration des Glaubens betont wird. Dies könnte leicht als jene Selbstgerechtigkeit und Überheblichkeit missverstanden werden, vor der Lukas im heutigen Evangelium warnt. Das Statement der Englischen Bischofskonferenz zum Freitagsopfer ist von 2011. Ich kann mich nicht ganz der Spekulation enthalten, ob eine solche pastorale Initiative auch heute, unter dem Pontifikat von Papst Franziskus, noch gestartet würde.

In dem großen Interview, das Papst Franziskus im September mehreren Jesuiten-Zeitschriften gegeben hat, wird ihm die schwierige Frage gestellt:“Wer ist Jorge Mario Bergoglio“? Der Papst überlegt, dann gibt er die Antwort:“Ich bin ein Sünder. Das ist die richtige Definition. Ein Sünder, den der Herr angeschaut hat.“ Der Papst betet also mit den gleichen Worten des Steuereintreibers im heutigen Evangelium:“Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Damit wird deutlich, wie tief Papst Franziskus in der Spiritualität des Jesuitenordens verwurzelt ist. Denn genau das war die Grunderfahrung unseres Ordensgründers Ignatius von Loyola. Wie der Steuereintreiber im Evangelium wurde er sich schmerzhaft seiner eigenen Sündhaftigkeit, der eigenen Begrenztheit un Unzulänglichkeit bewusst. Aber er erlebte auch: Ich bin trotzdem von Gott angenommen. Und so lässt sich die Frage: „Was heisst Jesuit sein?“ ganz knapp in einem Satz beantworten: „Jesuit sein heisst die Erfahrung, dass ich als Sünder trotzdem zum Gefährten Jesu berufen bin“.

Damit sind wir beim Jesuitenorden angelangt, dem ich angehöre. Als Ehemaliger der KHG Konstanz feiere ich heute mit euch Nach-Primiz als Priester im Jesuitenorden. Aus diesem besonderen Anlass werdet ihr es mir hoffentlich grosszügig nachsehen, wenn ich gegen eine Regel aus meiner Predigtausbildung in London verstosse. Dort hiess es nämlich:“Ihr sollt über das Evangelium predigen und nicht über euch selbst“. Aber das Evangelium, wie es in der KHG verkündet und gelebt wird, bildet den Hintergrund für meinen Weg vom Jurastudenten und Rechtsreferendar in Konstanz zum Ordenseintritt und zur Priesterweihe.

Wenn ich überlege, wobei mir die KHG persönlich am meisten geholfen hat, dann sind das vor allem zwei Punkte: Ablösung von zu Hause und Akzeptanz von Grenzen, in meinem Fall besonders Schwierigkeiten und Grenzen im Studium mit Behinderung.

Zunächst das Thema Ablösung. Ich bin sehr behütet aufgewachsen, war in der Schule auch gut in die Klassengemeinschaft integriert. Als ich zum Jurastudium nach Konstanz kam, das gut 600 km von meinem damaligen Heimatort in Westfalen entfernt liegt, war für mich zunächst erstmal alles neu. Neu Leute, neue Arbeitsformen an der Uni. Die Aufgabe für mich war, meinen Standort neu zu bestimmen, mich neu auszurichten und die eigene Identität weiter zu entwickeln. Die Hochschulgemeinde ist nach meiner Erfahrung in dieser Situation sehr hilfreich. Es ist leichter als in den Massenvorlesungen an der Uni, seine Komilitonen persönlich kennenzulernen. Die Bildungsveranstaltungen helfen, über den eigenen Tellerrand hinauszublicken. Die meisten Kontakte zu Studierenden anderer Fächer als meinem eigenen hatte ich in der KHG. Durch das Engagement in der KHG und die Mitarbeit in den Gremien kann man sich ausprobieren und neue Seiten an sich entdecken. So würde ich heutigen Studierenden sagen: Seid nicht wie der Schriftgelehrte im Evangelium, der schon mit vorgefassten Meinungen über Gott und die Welt ankommt.und im Grunde nur das Altbekannte bestätigt bekommen will. Seid offen für andere Menschen, andere Überzeugungen, andere Kulturen, andere Forschungsmethoden, statt vorschnell zu urteilen. Diese Möglichkeit bietet das Studium und die Hochschulgemeinde.

Ein zweiter Punkt betrifft der Umgang mit  den eigenen Grenzen. Studiren macht Spaß, aber es kann auch Wunden schlagen. Als Jurastudent denke ich da vor allem an die Umstellung der Notengebung von recht großzügiger Benotung in der Schule zu dem berühmten „4 gewinnt“ bei den juristischen Klausuren, näheres dazu kann euch jeder Jurastudent erklären. In meinem Fach zumindest habe ich einiges an Konkurrenz untereinander erlebt. Ich zumindest neigte stark zum Vergleichen. Wo stehe ich? Bin ich besser oder schlechter als der oder die? Die Hochschulgemeinde kann diesem Trend zum Individualismus und zum „jeder gegen jeden“ entgegnwirken. Hier steht der Mensch als Person im Mittelpunkt und gemeinsam bilden alle das Volk Gottes, eine Gemeinschaft des Glaubens. Die Hochschulgemeinde erfüllt hier eine wichtige Aufgabe von Kirche an der Hochschule. In dem bereits zitierten Interview bezeichnet Papst Franziskus die Rolle Kirche als „Feldlazarett“ nach einer Schlacht. Die Kirche heute braucht, so sagt er, vor allem „die Fähigkeit […], Wunden zu heilen und die Herzen der Menschen zu wärmen, Nähe und Verbundenheit“. Nun hoffe ich nicht, dass die Hochschule heute ein Kampfplatz ist und die KHG das Lazarett. Ich hoffe, dass für die meisten Studierenden die Freude an der Wissenschaft, an der Erkenntnis, noch immer im Vordergrund steht vor den Examina und den Berufsperspektiven. Und doch tut es gut zu wissen: Ich bin mehr als meine Studienleistungen und Credit Points. Ich bin von Gott angeschaut. Mit meinen Grenzen bin ich trotzdem zum Gefährten, zur Gefährtin Jesu berufen. Das zu Verkünden, ist der Auftrag der KHG.

Im Zentrum des heutigen Evangeliums steht die Bitte des Steuereintribers: „Gott, sei mir Sünder gnädig.“ Die Kirche ist eine Gemeinschaft der Sünder. Das gilt für den Papst, die Bischöfe, die Priester, für alle von uns. Aber das schöne ist doch gerade das, dass wir wissen, Gott vergibt uns, denn Gott ist Barmherzigkeit. Die Sünde ist nicht nur eine Beleidigung gegenüber Gott, sie ist immer auch eine Möglichkeit, Gottes Vergebung und Großzügigkeit zu spüren. Amen.

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